gedenksteinAnlässlich des 70. Todestages von Pastor Hans Georg Harreß wurde in der Adventkirche in Oldenburg am 6. und 7. Juli eine Gedenkfeier für die Märtyrer im dritten Reich abgehalten.

Zu diesem Anlass sprach der Dekan der Theologischen Hochschule Friedensau, Dr. Johannes Hartlapp, über die Situation der Kirchen im Hitler-Regime und über die Glaubenskraft, die einzelne Personen an den Tag legten.

Zum Gedenken an die Verstorbenen und zur Mahnung an die Lebenden, wurde vor der Adventkirche ein Stein in den Boden eingelassen. Wir sind dankbar für das Zeugnis das diejenigen abgelegt haben, die gezeigt haben das auch in den schwersten Zeiten moralisches Handeln möglich ist.

Wir danken allen Freunden der benachbarten Kirchen für ihre Unterstützung und Anteilnahme.

Ein kurzer Abriss seines Lebens findet sich hier

Erklärung der Adventgemeinde Oldenburg

Die Vorträge im mp3-Format:

06. Juli 2012 - Johannes Hartlapp: Seid Untertanen der Obrigkeit: Adventistisches Leben unter der Herrausforderung der Hitler Diktatur. 57:47(26,7 MB)

07. Juli 2012 - Johannes Hartlapp: Christliche Märtyrer 24:41(11,9 MB)

Der Adventistische Pressedienst berichtete

Pastor Karl Georg Harreß

Geboren 20.03.1887 in Oberlind bei Sonneberg (Thüringen)

Gestorben 06.07.1942 im KZ Groß-Rosen bei Breslau

Im Alter von 25 Jahren ließ sich Karl Georg Harreß aufgrund seiner Glaubensüberzeugungen durch Untertauchen taufen und schloss sich den Siebenten-Tags-Adventisten an. In den Jahren 1913-14 ließ er sich am Missionsseminar Friedensau bei Magdeburg ausbilden. Nach dem ersten Weltkrieg wirkte er als Pastor der Siebenten-Tags-Adventisten in Lüdenscheid, Hannover, Kassel, Dortmund, Osnabrück und Oldenburg.

Nachdem er öffentliche religiöse Vorträge gehalten hatte, wurde er im Sommer 1939 von drei verdeckt wirkenden Gestapo-Beamten denunziert, die er schon als Gäste in der Adventgemeinde Oldenburg kennen gelernt hatte. Nachdem sie ihn bei einem Zugriff in seiner Wohnung nicht antrafen, meldete Pastor Harreß sich freiwillig bei der Gestapo. Nach zweitätigem Verhör wurde er inhaftiert. Gegenstand der Verhöre waren seine theologischen Überzeugungen über das Ende der Welt und seine Haltung gegenüber den Juden. Außerdem verweigerte er den Hitlergruß. Anfänglich wurde er im Oldenburger Gefängnis untergebracht; dabei musste er im Straßenbau arbeiten. Nach einem Gerichtsurteil des Volksgerichtshofes wurde er 1942 ins KZ Sachsenhausen bei Oranienburg mit der Häftlingsnummer 1899 gebracht. Dort konnte ihn seine Frau zweimal besuchen. Sie berichtete von Schikanen, u.a. musste er die Gehsteige mit eine Zahnbürste reinigen. Schließlich verlegte man ihn ins KZ Groß-Rosen bei Breslau, wo er bereits nach kurzer Zeit verstarb.

Weitere Informationen finden sich auf der Harreß-Gedenkseite

ERKLÄRUNG

der Siebenten-Tags-Adventisten in Oldenburg zum 70. Todestag von Prediger Karl Georg Harreß

Präambel

In diesen Tagen gedenken wir des Märtyrers Prediger Karl Georg Harreß.

Was damals geschah, haben unsere Glaubensväter und Mütter erlebt und erlitten. Ihre Erfahrungen und Erinnerungen sind ein Teil unserer Geschichte geworden. Ihre Texte und Dokumente lagern nicht nur in unseren Archiven; sie sind Teil unseres Wissens und unseres Gedächtnisses geworden.

Im Bewusstsein der Verantwortung für unser Denken und Handeln hier und heute sowie im Blick auf die Vergangenheit und Zukunft sehen wir uns aufgerufen, zu den damaligen Ereignissen offen und demütig Stellung zu nehmen.

I. Wir beklagen zutiefst …

… dass der Charakter der NS-Diktatur nicht rechtzeitig und deutlich genug wahrgenommen und das widergöttliche Wesen der NS-Ideologie nicht klar erkannt wurde.

… dass sich in manchen unserer oder von uns verbreiteten Veröffentlichungen Aussagen finden, die Adolf Hitler huldigten und der rassistischen Ideologie des Antisemitismus in einer Weise Ausdruck gaben, die aus heutiger Sicht unfassbar ist.

– und dass auch viele Siebenten-Tags-Adventisten an der Not und dem Leid ihrer jüdischen Mitbürger keinen Anteil nahmen.

… dass Mitbürger jüdischer Herkunft von uns ausgegrenzt und ausgeschlossen, sich selbst überlassen und so der Gefangenschaft, Vertreibung oder dem Tod ausgeliefert wurden.

II. Wir bekennen aufrichtig …

… dass wir gegenüber dem jüdischen Volk, allen Verfolgten und vom Krieg Betroffenen und darüber hinaus auch gegenüber Adventisten in anderen Ländern durch unser Versagen schuldig geworden sind. Dafür bitten wir Gott und die noch lebenden Betroffenen demütig um Vergebung.

... dass wir als Siebenten-Tags-Adventisten in jenen notvollen Zeiten trotz unserer Erkenntnisse aus der Heiligen Schrift und dem prophetischen Wort nicht mutiger und konsequenter gehandelt und so in der Nachfolge unseres Herrn versagt haben. Wir sind unserem Pastor Karl Georg Harreß und denjenigen, die in unseren Reihen mutig Widerstand geleistet haben und sich der Nazidiktatur weder gebeugt, noch mit ihr gemeinsame Sache gemacht haben, nicht mutig entschlossen genug gefolgt.

.... dass weder die verflossene Zeit noch die damalige große Bedrängnis und Not das begangene Unrecht rechtfertigen oder wiedergutmachen können; nur Gott allein kann in seiner Gnade Vergebung für Versagen und Sünde gewähren.

III. Wir wollen nachdrücklich dafür eintreten …

…dass niemand aufgrund von Rasse, Religion, Nationalität oder Geschlecht ausgegrenzt und benachteiligt wird.

… dass die Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerät, sondern als bleibendes Mahnmal uns auch heute vor Augen steht.

… dass der Gehorsam, den wir der staatlichen Obrigkeit schulden, nicht zur Preisgabe von biblischen Überzeugungen und Werten führt.

… dass wir dazu fähig sind, die „Geister zu unterscheiden“ und unseren Glauben auch dann mutig zu bekennen und konsequent zu leben, wenn wir unsererseits in die „Stunde der Versuchung“ geraten.

Wir wollen uns nicht über jene, die damals lebten und glaubten, überheben. Es steht uns nicht zu, unsere Väter und Mütter zu verurteilen – Gott allein ist Richter.

Ebenso wenig steht es uns zu, andere von ihrer Schuld freizusprechen – Gott allein spricht uns frei.

Wir wollen aber in unserer Zeit entschieden für Recht und Gerechtigkeit – für alle Menschen – eintreten. Dass uns das gelingt, ist unsere aufrichtige Bitte zu Gott, der allein aus seiner Gnade das Wollen und Vollbringen dazu schenken kann.

Adventgemeinde zu Oldenburg, 07.07.2012